Venedig, 24. Mai 2026. Ein Erlebnisbericht aus dem C-Gig-Vierer von Gabriel Peisker.
Um 8:47 Uhr ist das Becken vor San Marco kein Gewässer mehr. Es ist ein Parkplatz – ein sehr bunter, sehr lauter, sehr internationaler Parkplatz. Ruderboote, Gondeln und Drachenboote dümpeln zu Tausenden im Wasser, und dazwischen zwängen sich quirlige Kajaks durch. Warten.
Punkt 9 Uhr. Der Kanonenschuss von San Giorgio Maggiore hallt über die Lagune und löst das letzte Stück Ordnung auf. 2’302 Boote setzen sich gleichzeitig in Bewegung. Drachenboote überkreuzen Riemen. Kajaks verschwinden zwischen Rümpfen. Steuerleute navigieren durch Lücken, die sich öffnen und im nächsten Moment wieder schliessen.
Willkommen zur 50. Vogalonga.
Ein Protest wird zur Institution
1974: Drei Freunde, eine Mascareta-Gondel und grosse Empörung. Motorboote überfluten Venedigs Kanäle, der Wellenschlag frisst die Fundamente der Palazzi weg, und auch die Ruderkultur stirbt leise aus. Die Antwort der drei Freunde war so überraschend wie selbstverständlich: Rudern! Laut, sichtbar, mit möglichst vielen. 1975 findet die erste Vogalonga statt — «die lange Ruderfahrt». Die lokale Zeitung «Il Gazzettino» nennt es «einen seltenen Sieg des Ruders über den Motor».
Fünfzig Jahre später: 2’302 Boote mit 9’981 Teilnehmenden rudern oder paddeln nicht ganz 30 Kilometer durch die venezianische Lagune — San Marco, Burano, Murano, Cannaregio, Canal Grande, Basilica della Salute. 77 der 2302 Boot mit ca. 300 Teilnehmer sind aus der Schweiz. Es gibt keine Rangliste und keinen Sieger. Jeder, der ankommt, bekommt eine Medaille. Erlaubt ist alles, was keinen Motor hat: Gondeln, Galeeren, Skiffs, C-Gigs, Kajaks, Kanus und Drachenboote.
Das Jubiläum: Ausverkauft in vier Tagen
Dass die 50. Ausgabe besonders werden würde, war klar. Aber dass sich innerhalb von vier Tagen bereits 1’500 Boote und 6’500 Teilnehmende anmelden würden, überraschte selbst die Organisatoren. Wer zu spät klickte, landete auf der Warteliste.
Das offizielle Plakatmotiv zum Jubiläum stammt nicht von einer Agentur, sondern von Leonardo Zecchin, dem Sieger eines Schulwettbewerbs. Die Vogalonga will nicht nur Geschichte bewahren, sondern die nächste Generation ans Rudern heranführen. Apropos Strecke: Offiziell wäre sie 30 Kilometer lang — am Jubiläum konnte jedoch wegen Bauarbeiten nicht der offizielle Kurs gefahren werden und sie betrug nur 25 km.
Kanonenschuss und das Chaos danach
Offiziell ist die Vogalonga kein kompetitives Rennen. In der Praxis bricht bei vielen das Rennfieber aus. Es wird gedrückt, überholt, gebremst und wieder losgeprescht. Und viel lamentiert. Paolo, unser Steuermann im C-Gig hatte in den ersten dreissig Minuten alle Hände voll zu tun und teilte in fünf Sprachen fliessend aus.
Sonne, Stress und ein altes Holzskiff
Ein- und Auswassern fanden diesmal am Terminale Crociere statt — dem alten Kreuzfahrtterminal am Westrand der Stadt, wo für die Vogalonga ein provisorischer Ponton eingerichtet worden war. Mit Betonung auf provisorisch: Die Wartezeiten waren lang, die Geduld mancher Teilnehmer kürzer. Besonders in der Drachenboot-Fraktion lagen die Nerven blank. Wer einen kühlen Kopf bewahren will, ist gut beraten, früh einzuplanen.
Das Wetter spielte mit, fast zu gut. Klarer Himmel, das Wasser in jenem typischen Blaugrün, das man nur hier findet. Was sich zu Beginn nach Bonus anfühlt, wird auf den offenen Lagunenstrecken zur Herausforderung: Die Sonne knallt, und die Mischung von Schweiss und Sonnencrème an den Händen macht die Griffe glitschig — man sollte halt nicht vergessen, nach dem Eincremen die Hände zu waschen.
Was die Vogalonga von jedem anderen Ruderanlass unterscheidet, ist die einzigartige Kulisse. Im Hintergrund Venedig, neben dem C-Gig: eine venezianische Caorlina, ein schwimmendes Kunsthandwerk, darauf die Gondoliere im traditionellen Streifenshirt. Hinter uns: ein Drachenboot mit zwanzig Personen und Trommelrhythmus. Und dann fahren wir an einem wunderschönen alten Holzskiff vorbei, von dem uns ein braungebrannter Seebär mit Vollbart freundlich grüsst.
Zurück in Venedig haben wir Glück und kommen – weil wir zügig gerudert sind – einigermassen flüssig durch Cannaregio. Eine Kanutin erzählt uns später im Zug von einem Riesenstau mit einer Stunde Wartezeit! Scheinbar kam es zu unschönen Szenen unter Teilnehmern, die wenig Gespür für Fairplay und Anstand hatten.
Das grosse Finale
Die letzten Kilometer sind ein Festspiel. Überall stehen Menschen am Kanal und klatschen den Ruderinnen und Ruderern zu. Unsere Schweizerfahne am Heck beschert uns immer wieder ein «Hopp Schwiiz!». Die Medaille (jeder bekommt hier Gold) wird uns vom Zielposten im Plastiksack aus 10 Meter Distanz zugeworfen. Ich frag mich grad, wie viele Medaillen hier auf dem Grund liegen…
Die Vogalonga ist weder Rennen und noch Sightseeing-Tour — sie ist etwas vom Seltsamsten und Schönsten, was der Rudersport zu bieten hat. 1975 als Protest gegen den Lärm der Motoren geboren, heute eine Institution.
Ciao Venezia. Ci vediamo!
